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SHERLOCK STAFFEL 4 – ES IST KEIN SPIEL MEHR

Am 01. Januar 2017 startete die BBC mit ihrer Serie Sherlock in die vierte Staffel. Der drängendste Punkt schien mit dem Weihnachts-Special 'Die Braut des Grauens' bereits geklärt – Moriarty ist tot. Doch ist er das? Und wenn er tatsächlich tot ist: Was hat er noch in petto?

DID YOU MISS ME?

Letztes Jahr überraschten uns die Schöpfer der Serie Mark Gattis und Steven Moffat mit ihrer Sonderfolge, die in England als Weihnachts-Special lief. Doch wirklich weihnachtlich war sie nicht, auch wenn die Episode ein besonderes Geschenk war.

Ende der dritten Staffel trat Sherlock nach einem selbst begangenen Mord seinen Weg ins Exil an, als plötzlich der längst tot geglaubte Jim Moriarty landesweit im Fernsehen zu sehen war. Fieberhaft stürzt sich Sherlock im Special in einen Drogenrausch, um gedanklich ins viktorianische London einzutauchen. Hier möchte er den ungeklärten Fall von Emilia Ricoletti lösen – einer wandelnden Leiche im Blutrausch, deren Umstände denen des wieder auferstandenen Jim Moritarty frappierend ähneln.

Zuletzt folgert Sherlock, dass Moriarty endgültig tot sein muss, sein Spiel mit Sherlock aber noch lange nicht vorbei ist. Das macht Staffel 4 zu einem Präzedenzfall: Bislang gab es immer einen großen Cliffhanger.
Die Schwimmbadszene (in Staffel 1 und 2) und der Reichenbachfall (zwischen 2 und 3) lockten den Zuschauer in die neue Staffel und setzten gleichzeitig den Ton für selbige.

Diesmal jedoch sind die Erwartungen ebenso offen wie hoch. Bekannt ist, dass Mary und John in freudiger Erwartung sind und Moriarty posthum zur nächsten Krimi-Runde bläst.

Was also kommt auf uns zu?

Der Hauptdarsteller der Serie Sherlock -Benedict Cumbertbatch bei der Premiere von The Imitation Game in New York 2014
Der Hauptdarsteller der Serie Sherlock – Benedict Cumberbatch bei der Premiere von The Imitation Game in New York 2014. Photo Copyright JStone / Shutterstock.com

DAS ZEICHEN DER VIER

Die erste Episode der vierten Staffel, wörtlich übersetzt ‚Die sechs Thatchers‘, knüpft direkt an Staffel 3 an und sogleich ist Sherlock wieder in seinem Element: seinen Bruder ärgern und Autoritäten missachten. Natürlich wird er auf die Machenschaften von Moriarty angesetzt, beschließt jedoch zu warten, bis dieser den ersten Schritt macht.

Sherlock: „Ich weiß immer, wann das Spiel beginnt. Wissen Sie warum?“
Lady Smallwood: „Warum?“
Sherlock: „Weil ich es liebe!“

Sherlock ist immer noch der von allen geliebte arrogante Angeber und glänzt abermals durch seine soziale Inkompetenz. Im Kontrast zu seinem Bruder Mycroft jedoch, scheint Sherlock eine warme, menschliche Persönlichkeit zu entwickeln. Mehr als sonst drängt sich der Gedanke auf, dass Sherlock im Gegensatz zu Mycroft seine emotionale Kälte nur aufgesetzt oder zumindest angelernt hat. Ein brüderlicher Wettstreit? Der Wunsch, den großen Bruder zu beeindrucken? Oder ein traumatisches Erlebnis in der Kindheit?

Sherlocks persönliche Dynamik geht mittlerweile über seinen besten Freund John Watson hinaus. Er entwickelt eine gewisse Verbundenheit zu seinem neuen Patenkind Rosie Watson und stellt der frisch gebackenen Familie seinen Lieblingsspürhund vor. Während John sich langsam aus dem Schnüffler-Geschäft herauszieht und sich mehr aufs Bloggen konzentriert (übrigens: Bis Staffel 3 war Johns Blog noch up-to-date unter http://www.johnwatsonblog.co.uk), kristallisiert sich seine Frau immer mehr als der ‚bessere‘ Watson heraus; häufig kontaktiert Sherlock einfach beide unabhängig voneinander, um seine Fälle zu lösen.

Doch schließlich stößt das Trio auf vier Buchstaben, die alles verändern und einen Killer, der die junge ‚Familie Plus‘ vor eine Zerreißprobe stellt.

DER HÄNDLER VON SAMARRA

Die nächsten beiden Folgen liegen zurzeit noch im Dunklen, klar ist aber jetzt schon, dass Fans sich bei der vierten Staffel auf eine Menge Wechsel und Veränderungen gefasst machen müssen. Greifbar wird das schon zu Beginn der ersten Episode mit einer Geschichte aus Sherlocks Kindheit, dem arabischen Märchen ‚Der Händler von Samarra‘. Etwas abgeändert vom Original erzählt Sherlock die Geschichte eines Händlers, der auf einem Marktplatz in Bagdad den Tod erblickt. Der Tod ist überrascht und der Händler flieht in die weit entfernte Stadt Samarra. Dort begegnet er dem Tod erneut. Diesmal fragt der Händler den Tod, warum dieser so erstaunt dreingeblickt hatte. Der Tod erklärt, er wäre überrascht gewesen, weil er doch erst am Abend einen Termin mit dem Händler in Samarra habe.

Der Tod lauert überall – und man begegnet ihm oft auf Wegen, auf denen man versucht ihn zu umgehen. Das Leitthema der vierten und, laut Produzenten, vorläufig letzten Staffel? Die erste Folge läutet jedenfalls bereits das wohl düsterste Kapitel der BBC-Reihe ein.

Sherlock ist gnadenloser und härter denn je, bereit zu töten, falls nötig. Gut choreografierte Actionsequenzen vor großartiger Kulisse müssen sich vor Bourne und Bond nicht verstecken. Gleichzeitig portraitiert Benedict Cumberbatch einen wesentlich verletzlicheren Detektiven, einstweilen hilfloser als zuvor. Letztlich ist es sein Verlangen sich aufzuspielen, was zu einer Katastrophe und seinem persönlichen Tiefpunkt führen wird. Je mehr Sherlock ein emotionales Eigenleben entwickelt, desto weniger muss Martin Freeman als John Watson seinem Freund als moralischer Kompass dienen. Tatsächlich trifft John Entscheidungen, die die Fans entsetzen werden, was ihm aber erstaunlich viel Tiefgang und Menschlichkeit verleiht. So bleibt Watson die Seele der Serie, jedoch mit ungeahnten Abgründen; die Romanvorlage von Sir Arthur Conan Doyle lässt grüßen.
Auch Nebenfiguren wie Mary und Lestrade bekommen mehr Raum und Hintergrund für ihren Charakter, insgesamt wirkt die neue Staffel bedrohlicher, kerniger und echter, während die Schatten der Vergangenheit unsere Helden einzuholen drohen.

Fazit:

Wunderbar stimmungsvoll ausgeleuchtet, mit einem Cast, der sich schauspielerisch einmal voll austoben darf, führt uns Sherlock wieder an Schauplätze, die man in Filmen sonst vergeblich sucht. Mal witzig, mal spannend und schockierend, mal düster und traurig – unsere Helden kämpfen auf der Seite der Engel, aber sind weit davon entfernt, welche zu sein. Und das ist gut so. Allerhöchste Zeit, dass auch John ein paar Macken entwickelt. In Sachen Charakterentwicklung eine 1+. Das alles untermalt von dem bislang wohl filmischsten Soundtrack aus der Feder von David Arnold (Soundtrack James Bond).
Funfact: Für den alternden Bluthund Toby musste tatsächlich das Drehbuch am Set umgeschrieben werden, da der Hund die Kooperation mit dem Tiertrainer verweigerte, was für eine der lustigsten Szenen der ganzen ersten Episode sorgt.
In mir mischt sich jetzt die Vorfreude auf zwei weitere Episoden mit der traurigen Gewissheit auf ein Ende der Serie, soweit voraussehbar. Vielleicht findet die Serie ja dereinst eine Fortsetzung, dann mit einem Sherlock in den Mid-50s? In diesem Sinne schließe ich mit dem Hashtag von John Watsons Tagebuch in ‚Die sechs Thatchers ‚: #221Back!

5 von 5 Sternen für die potentiell spannendste Staffel des Romandetektivs.

Alexander Ochs

P.S.: Kleines Easter Egg: Der Antagonist der späteren Folgen (siehe Trailer), Culverton Smith, ist im Hintergrund versteckt auf einem Werbeplakat an Johns regulärer Bushaltestelle zu sehen. Darunter deutlich die Worte ‚Business‘ und ‚Mord‘.
Danke, Gatiss und Moffat. Ihr seid Meister des Setup/Payoff.


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