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The Killing of a Sacred Deer – Review

Ein Drama aus der griechischen Mythologie entlehnt? Dabei kann es sich nur um ein weiteres künstlerisches Werk von Giorgos Lanthimos handeln. Wie auch schon in „The Lobster“ ist Colin Farrell in der Hauptrolle von „The Killing of a Sacred Deer“ zu bewundern.

Die Story

Vertrauen und Schuld

Dr. Steven Murphy (Colin Farrell) führt ein nahezu perfektes Leben. Als anerkannter Gefäßchirurg kann er sowohl sich als auch seine Familie gut versorgen. Auch seine Frau Anna (Nicole Kidman) steht als Augenärztin mit beiden Beinen im Leben. Ihre beiden Kinder Bob (Sunny Suljic) und Kim (Raffey Cassidy) sind gesund und munter. Eigentlich sollte nichts dieses Glück so schnell stören können.

Doch die Idylle besteht nur an der Oberfläche. Steven kümmert sich seit längerem heimlich um den jungen Martin (Barry Keoghan), da ihm nach dem Tod seines Vaters eine Vaterfigur fehlt. Nun soll Martin die ganze Familie kennenlernen. Das gemeinsame Essen verläuft ohne weitere Vorfälle und auch die Kinder scheinen Martin zu mögen. Vor allem Kim scheint mehr als angetan von dem Teenager.

Vergeltung und Tod

Ab diesem Abend scheint sich Martin nicht mehr von Steven trennen zu wollen. Er erscheint ungefragt an Stevens Arbeitsstelle und vereinbart ein Abendessen bei sich, um vorangegangene Einladung zu erwidern. Unterdes versucht der Junge unentwegt, seine Mutter mit Steven zu verkuppeln. Für diesen ist dies aber eindeutig zu viel und er entscheidet, Abstand von Martin zu nehmen.

Dieser Abstand ist aber ganz und gar nicht in Martins Interesse. Er versucht vehement, erneut Kontakt aufzubauen und verfolgt Steven sogar. Doch der renommierte Doktor hat plötzlich ganz andere Probleme. Bob wird von einer mysteriösen Lähmung befallen, für die es anscheinend keinen medizinischen Ursprung gibt. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, denn der Fluch schreitet phasenweise voran und am Ende wartet der Tod…

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Hinter den Sets

Für Regisseur Giorgos Lanthimos ist „The Killing of a Sacred Deer” nicht der erste Film, der in den Fokus von internationalen Filmliebhabern gerückt ist. Sein letztes Werk „The Lobster“ (2015) konnte nicht nur die weltweiten Kritiker überzeugen und gewann sogar einen Preis für das beste Drehbuch bei dem Europäischen Filmpreis. Mit seiner aktuellen Verfilmung schaffte es Lanthimos sogar noch einen Schritt weiter. Bei den diesjährigen „Internationalen Filmfestspielen von Cannes“ konnte „The Killing of a Sacred Deer“ sowohl eine Nominierung für die Goldene Palme als auch eine Auszeichnung für das beste Drehbuch erzielen.

Seine Filme wurden schon mit zahlreichen Nominierungen für etliche internationale Filmpreise geehrt, unter anderem 2011 für einen Oscar. Doch erst seit „The Lobster“ spielen wahre Hollywood-Stars in seinen Werken mit, so auch Colin Farrell.

Lanthimos‘ Liebe zu bekannten Gesichtern scheint ähnlich wie sein Faible zu mystischen Handlungen. Sein neuer Film lehnt sich an die Geschichte der Iphigenie von Euripides an. Für alle, denen diese nicht so geläufig ist, eine kurze Zusammenfassung: Nachdem Agamemnon, Vater von Iphigenia, einen Hirsch auf dem heiligen Hain der Artemis erlegte, zog er ihren Zorn auf sich. Diese verhinderte kurzerhand, dass Agamemnons Flotte im Zuge des Trojanischen Krieges in die Schlacht ziehen konnte. Um den Zorn der Artemis zu besänftigen und den Verlust des Hirsches zu ersetzen, sollte Agamemnon seine Tochter opfern. Die düstere Stimmung dieser griechischen Mythologie wurde von Lanthimos auf eine geniale Art und Weise auf die Leinwand gebracht.

Zu der bedrückenden Atmosphäre trägt auch die musikalische Untermalung bei, die sehr abwechslungsreich gestaltet worden ist. Klassische Elemente von Johann Sebastian Bach werden mit Stücken der russischen Komponistin Sofia Gubaidulina, sowie schaurigen Werken des österreichisch-ungarischen Komponisten György Ligeti komplementiert. Oftmals passen diese Einschnitte gut zur dargestellten Szenerie, können jedoch auch relativ schnell stören, wenn man derartige Musik nicht gewohnt ist. Das offensichtlich gewünschte Unwohlsein tritt in jedem Fall ein.

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Großartige Darsteller und junge Gesichter

Die Hauptdarsteller sind mit Colin Farrell und Nicole Kidman prominent besetzt. Farrells Zusammenarbeit in „The Lobster“ schien Lanthimos derart zu überzeugen, dass auch dieses Mal die Wahl der Hauptrolle auf ihn fiel. Als Familienvater und renommierter Arzt findet er sich zwischen Fronten wieder, für die er scheinbar einen guten Einklang gefunden hat. Doch durch Martins Eingreifen in sein berufliches wie auch privates Leben steht er vor wahrhaftig schweren Entscheidungen. Gleichzeitig spielt er vor Frau und Kindern noch immer den starken Mann, der alles im Griff zu haben scheint. Farrells schauspielerische Fähigkeiten kehren die Qualen von Steven regelrecht nach außen, sodass sie für den Zuschauer sichtbar werden. Eine deprimierende, dennoch sehr überzeugende Darstellung.

Nicole Kidman, die Stevens Frau Anna spielt, ist in ihrer Rolle etwas blass. Im Gegensatz zu den anderen Charakteren durchlebt sie beinahe kaum eine Veränderung. Von Beginn an kümmert sie sich sehr fürsorglich um das Wohl der gesamten Familie. Bei wichtigen Entscheidungen kann sie sich jedoch nicht gegen ihren Mann durchsetzen und selbst die Versuche, das Schicksal der Familie von eigener Hand zu verändern, wirken sehr tölpelhaft und schwächlich. Ob diese Rolle von Kidman gespielt wurde oder nicht, wäre vermutlich recht gleichgültig geblieben. Leider etwas enttäuschend.

Eine große Überraschung ist Barry Keoghan, der den Halbwaisen Martin verkörpert. Obwohl er bereits einen Auftritt in Christopher Nolans „Dunkirk“ (2017) ergattern konnte, ist dies seine erste große Rolle, zugleich eine der bemerkenswertesten in „The Killing of a Sacred Deer“. Aus dem vorerst so unscheinbaren Teenager entwickelt sich ein Monster, was auf seinem Rachezug vor nichts und niemandem Halt machen würde. Die Liebe zu Stevens Tochter ruft nur weitere Gewissenskonflikte hervor und verstärkt seine Unberechenbarkeit. Die Entwicklung des psychisch-labilen Martins in einen bedrohlichen jungen Mann könnte nicht besser dargestellt werden, als es Barry Keoghan hier tut. Eine absolut überraschende, gleichzeitig aber auch erschreckende und sehr überzeugende Leistung.

Doch auch Sunny Suljic und Raffey Cassidy, welche die Kinder der Familie darstellen, sollten nicht unerwähnt bleiben. Neben Cassidys Rolle in „Snow White and the Huntsman“ (2012) konnte man beide noch nicht sehr häufig auf der großen Leinwand sehen. Dennoch lieferten sie ein wunderbares Schauspiel ab. Raffey Cassidy, der als Bob relativ früh erkrankt, zeigt auf realistische Art und Weise verschiedene Phasen des Krankseins. Von Verzweiflung bis Akzeptanz, es ist alles durchaus glaubhaft. Auch der Umgang seiner Schwester Kim ist herzzerreißend. Sunny Suljic schafft es, die pubertären Emotionen ihrer Figur auf perfide Art zu präsentieren. Aufgrund ihrer Leistungen fiebert man bis zum Ende mehr mit den beiden Kindern als mit den eigentlichen Hauptdarstellern mit.

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Kritik

Ein moderner und künstlerischer Film, der sich von einer griechischen Mythologie inspirieren lässt, ist keine Neuheit, doch eine Verfilmung mit der Iphigenie von Euripides als Vorlage lässt sich nicht sehr häufig finden. Rache, Liebe und Vertrauen stehen im Mittelpunkt der Handlung. Doch das Potenzial wurde nicht mal annähernd ausgeschöpft. Grobschlächtige Dialoge wirken oftmals fehl am Platz und vereinzelt muss man sich sogar dazu zwingen, nicht zu lachen. Dies kann man als Stilmittel sehen, um andere Aspekte des Filmes mehr in den Mittelpunkt zu rücken, doch ist dies leider nicht ganz ersichtlich.

Im Gegensatz zu den eher minimalistischen Dialogen ist die Inszenierung und Kameraarbeit ein wahrer Augenschmaus. Bereits in den ersten Bildern wird deutlich, dass dieser Film in dieser Hinsicht kein Standard-Streifen ist: Eine Operation am offenen Herzen eröffnet den Film, im Hintergrund läuft dazu klassische Musik. Ein Opening, wie man es sich öfter wünschen würde. Auch im Laufe des Filmes scheut man sich nicht davor, Absurdes, Abschreckendes und Verstörendes in einer wundervollen Detailliertheit zu zeigen. Dies ist zwar nicht für jeden Geschmack, doch verleiht es dem Film einen düsteren Charme.

Diese Intensität spiegelt sich auch in der allgemeinen Handlung von „The Killing of a Sacred Deer“ wider. Diese verändert sich im Laufe des Filmes von einem alltäglichen weltlichen Umfeld hinzu einem mystischen Szenario, welches sich durch Flüche und Rachegelüste rechtfertigt. Dieser Übergang ist sehr fließend und nicht immer ersichtlich, sodass man ab einem gewissen Punkt ein wenig damit überrollt wird. Dies führt dazu, dass es sich mit einem Schlag sehr unrealistisch anfühlt, obwohl man kurz vorher noch das Gefühl hatte, man könnte sich in derselben Welt befinden.

Fazit

Alles in allem ist der Film es eine wunderbare Idee, deren Umsetzung an so einigen Ecken hapert. Der großartige Cast kann beinahe kaum sein Potenzial einfließen lassen. Die jüngeren und unbekannteren Gesichter sind dafür eine gelungene Überraschung. Die musikalische Untermalung wechselt zwischen akzentuierend und störend, während Bild und Inszenierung durchgehend künstlerisch und innovativ erscheinen. Mit „The Killing of a Sacred“ produzierte Regisseur Lanthimos zwar einen weiteren guten Film, der sich aber nicht mit den vorherigen Werken von ihm messen kann.

Bewertung

2,5/5

– Felix Heiderich

© Photo Credit: © 2017 MARVEL / DISNEY. ALL RIGHTS RESERVED
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