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BARRY: NETFLIX SETZT OBAMAS STUDENTENLEBEN EIN FILMISCHES DENKMAL

Am 20. Januar diesen Jahres wird der Nachfolger des amtierenden US-Präsidenten Barack Hussein Obama eingeschworen. Passend zur melancholischen Abschiedsstimmung laufen Biopics über den Hoffnungskandidaten von 2009 an – 'Barry' findet einen ungewöhnlichen Ansatz.

Der erste Feature-Film des Regisseurs Vikram Gandhi umschifft eine der gefährlichsten Untiefen jeder Betrachtung des scheidenen Amtsinhabers, indem er sich ausnahmsweise nicht den unleugbaren Magnetismus des heute 55-jährigen zunutze macht. Die Fotogenität der Familie und die enorme rednerische Begabung des jüngst abgetretenen Präsidenten laden zur Imitation ein, ‚Barry‘ hingegen beleuchtet intensiv den Werdegang des jungen Obama, Jahrzehnte bevor er auch nur im nationalen US-Rahmen politische Bekanntheit erlangte.

Die Leiden des jungen Barry

Gerade für ein europäisches Publikum sind die drängenden Fragen des jungen Mannes deutlich, aber wenig aufdringlich vermittelt. Über den Film hinweg ist seine größte Stärke zeitgleich ein ständiges Hindernis für ihn – ob als Student der Eliteuniversität Columbia im New York der achtziger Jahre, ob als Kind einer kurzlebigen Mischehe, ob als Bewohner des sozialen Problemviertels Harlem; er findet keine Mitte, seine Identität bleibt ihm versagt.

Das bedeutet einerseits, dass er zwar überall leichter Aufnahme findet, da er aufgrund von Bildung, Umfeld und Benehmen nicht subtil ausgeschlossen wird – allerdings bleibt fast jeglicher Kontakt oberflächlich, endgültige Zugehörigkeit ist in den festen Gruppierungen um ihn herum nicht zu finden. Script, Regie und die Darstellung Barrys (Devon Terrell) greifen hier grandios ineinander: Der Rassismus wird nie als Vorwurf benannt. Tatsächlich tauchen in dem Streifen keine stereotypischen Ku-Klux-Klaner auf, stattdessen ist es der realistische Rassismus des Alltags: unbedachte, nebensächliche Handlungen und Bemerkungen, denen keine Bösartigkeit zugrunde liegt. Die Glaubhaftigkeit des Protagonisten ist lupenrein. Er ist beileibe nicht nur Opfer, sondern beginnt sich auch bald selbst im Wege zu stehen und Gegner anzugreifen, die keine sind.

Und – ganz wie im echten Leben – treffen diese das nächste Umfeld. Seine Freundin Charlotte (Anya Taylor-Joy), die ihn voller Vorfreude ihren liberalen Eltern vorstellen will, seinen Kumpel Saleem (Avi Nash) oder seinen Mitbewohner Will (Ellar Coltrane), die auf unterschiedliche Art und Weise mit den Wehen seiner Identitätsfindung zurande kommen müssen – und deren Differenzen zu seiner Lebensweise langfristig zum Abschied führen.

Barry Bildnachweis: Linda Kallerus / Netflix Abgebildet: Devon Terrell, Avi Nash
Devon Terrell, Avi Nash in Barry

Glanzmomente zeigt der Film ebenfalls in Barrys Beziehungen zu PJ (Jason Mitchell), dessen Selbstsicherheit im Umgang mit seiner Ghettoherkunft er bewundert, seinen daraus resultierenden Materialismus jedoch als kurzsichtig und absichtslos verwirft. Nicht minder schön die Szene, als er seinem Kommilitonen Thad (Jason Mitchell) vor den Kopf stößt. Thads Blindheit für die offensichtliche Bigotterie hinterlässt Barry wütend und unfähig zur Erklärung, stattdessen verblüfft er den angetrunkenen Thad mit „you’re an asshole… but you’re alright“.

Hut ab

Ein Grund zur Skepsis bestand in der zeitlichen Einordnung des Films. Als Kind der Achtziger fürchtet man schnell die allzu einladende Verwendung dieses teils (räusper) stilistisch sehr eigenen Jahrzehnts als eigenes Comic-Relief Element, vollgeladen mit Schulterpolstern, austauschbaren Synthesizer-Orgien, Yuppies, fremdartig eckigen Sportwägen und heutzutage unverdaulichen Designelementen in Neonfarben. Nun sind Biopics in der zeitlichen Einordnung zugegebenermaßen unflexibel, doch zum erfreuten Staunen des Zuschauers ruht sich der Streifen nicht im Geringsten darauf aus. Optisch versetzt er einen unterschwellig und glaubhaft in ein mittlerweile weit zurückliegendes Jahrzehnt und nutzt dessen unverwechselbare Elemente gekonnt, ohne sie zu weit in den Vordergrund zu zerren. Die sozialen Fragen der USA spielen hier auf einem soliden Fundament und bleiben visuell durchgehend überzeugend eingebettet.

Licht- und Kameraarbeit versteigen sich ebenfalls nicht zu irritierenden Stilmitteln, gekonntes Handwerk ist spürbar. Dies rangiert von solide inszenierten Szenen, in denen der junge Obama vor der weiten Kulisse der Skyline Manhattans über der Kontaktaufnahme zu seinem über die Jahre vollständig entfremdeten Vater brütet, bis hin zu klaustrophobisch anmutenden Fluren der Sozialbauwohnungen, in denen Barry unter der Führung PJs bedrohliche Ahnungen einer fremden Welt vermittelt werden.

Barry Bildnachweis: Linda Kallerus / Netflix Abgebildet: Devon Terrell, Avi Nash
Devon Terrell als Barry

Der Soundtrack ist kaum weniger lobend zu erwähnen: Von ruhigen Pianostücken über die bereits erwähnten – und hinreichend sparsam eingesetzten – Synthesizerklängen vermittelt er die leise Einsamkeit, in der man sich mit dem Protagonisten findet. Im Wechsel zu den wiederkehrenden Partyszenen, auf die man Barry im Zuge seiner Suche begleitet, zeigt sich auch hier eine sichere Hand: Die Musik der Ära bleibt unverwechselbar, aber sie dient ausschließlich der Szenerie. Ich gestehe unumwunden jeden zu bewundern, der die Klangwelt dieses Jahrzehnts vermittelt, ohne auch nur gelegentliches Zähneknirschen hervorzurufen – die Komposition des Soundtracks durch Danny Bensi und Saunder Jurriaans gilt mir in diesem Sinne als Meisterstück.

Nach viel Süßem…

Schauspielerisch sind keine wesentlichen Schwächen zu erkennen, und die Darsteller geben sich ihrer Rolle augenscheinlich sogar dann überzeugt hin, wenn sie ihnen gefährlich wenig Spielraum bietet (die Rolle des Saleem zwingt Avi Nash in eine schwer zu handhabende Albernheit, die dieser jedoch mit Gusto überbrückt). Dabei ist nicht nur Devon Terrells Einfühlen in den Habitus Barack Obamas beeindruckend (und das ist sie!), sondern auch die Vermeidung von Stolperfallen alberner Klischees. Mit erstaunlicher Sicherheit werden Fratboys, Hip-Hop Slang, Ghettostil, Neu-England-Eliten und liberale Althippies auf die Bühne gebracht, und obwohl es letztlich eine Aneinanderreihung von Stereotypen sein sollte, scheint dem kreativen Team nie die Kontrolle entglitten zu sein: Es setzt kein spürbares Fremdschämen ein.

Ein wenig Bitteres zur Verdauung

Fast ausnahmslos empfehlenswert, so das Fazit. Natürlich gibt es Schwächen, aber ich bin weiterhin merklich erstaunt, wie wenig diese spürbar sind. Die Verdeutlichung der Rassefragen geht – wenn auch subtil – teils Schlag auf Schlag vonstatten. Ist es nötig, dass Barack Obama von einem fast verdächtig sympathischen Straßenhändler ‚The Souls of Black Folk‘ ersteht (quasi die Bibel der frühesten, emanzipierten Civil-Rights-Bewegung ), bevor er an der Straßenecke radikalen Predigern der Schwarzen Israelitenbewegung begegnet?

Nein, das ist es nicht, ebenso wenig wie das Erscheinen eines älteren Ehepaares in einer Mischehe, dessen männlicher Part zu meiner unangenehmen Überraschung binnen Sekunden zu einer Art schwarzem Yoda avancierte, der dem jungen Barry ein paar wenig tiefgründige Weisheiten mit auf den Weg gibt. Eingedenk der Feinfühligkeit, mit welcher der Film das Thema ansonsten behandelt, stechen diese Fehltritte umso deutlicher hervor.

Der Gesamteindruck hinterlässt mich jedoch vollständig wohlgesonnen – und setzt der Amtszeit des scheidenden Präsidenten ein frühes, aber angemessenes Denkmal. Findet man Gefallen an einfühlsamen Biopics mit gemessenem Erzähltempo, kann man dies bei ‚Barry‘ aktuell auf Netflix genießen.

-Ben Hauffe


Photo Credits & Copyright: Linda Kallerus/Netflix; © Netflix
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