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GET OUT: HORROR TRIFFT AUF HUMOR UND HAUTFARBE

Jordan Peele, in den USA bereits als Komiker bekannt, feiert mit Get Out sein Spielfilmdebüt. Und dies direkt mit einem Horrorfilm. Der 104-minütige Streifen behandelt verschiedene Thematiken auf beängstigend realistische und geniale Weise, die dem Zuschauer ständige Schauer über den Rücken jagen. Obwohl Get Out eher als Psycho-Thriller gewertet wird, fehlen auch blutige Splatter-Elemente in geringem Maße nicht. Auf kreative Art schafft es Peele, den Zuschauer mit gut platzierten Scherzen zunächst zu entspannen, bevor dieser im nächsten Moment vor Spannung zusammenfährt.

Ein subtiles, cleveres Debüt

Jordan Peele, in den USA bereits als Komiker bekannt, feiert mit Get Out sein Spielfilmdebüt. Und dies direkt mit einem Horrorfilm. Der 104-minütige Streifen behandelt verschiedene Thematiken auf beängstigend realistische und geniale Weise, die dem Zuschauer ständige Schauer über den Rücken jagen. Obwohl Get Out eher als Psycho-Thriller gewertet wird, fehlen auch blutige Splatter-Elemente in geringem Maße nicht. Auf kreative Art schafft es Peele, den Zuschauer mit gut platzierten Scherzen zunächst zu entspannen, bevor dieser im nächsten Moment vor Spannung zusammenfährt.

Die Story – nichts ist, wie es scheint

Der afroamerikanische Fotograf Chris Washington (Daniel Kaluuya) und seine weiße Freundin Rose Armitage (Allison Williams) sind bereits seit einigen Monaten ein Paar und möchten in ihrer Beziehung den nächsten Schritt wagen. Ein Besuch bei Roses Eltern steht bevor. Doch Chris‘ Vorfreude hält sich in Grenzen, da er befürchtet, seine Hautfarbe könne ein Problem werden. Auch sein bester Freund Rob (Lil Rel Howery) hat ein schlechtes Gefühl und würde Chris am liebsten nicht fahren lassen. Roses überzeugende Argumente, dass ihre Eltern doch sehr offene Menschen seien und Obama ein drittes Mal wählen würden, überzeugen Chris schlussendlich und somit reist das Pärchen von New York auf die abgelegene Ranch der Eltern.

Glücklicherweise steht Chris (Daniel Kaluuya) seine Freundin Rose (Allison Williams) in allen unbehaglichen Situationen zur Seite.
Glücklicherweise steht Chris (Daniel Kaluuya) seine Freundin Rose (Allison Williams) in allen unbehaglichen Situationen zur Seite.

Nach einer langen und anstrengenden Fahrt empfangen die Eltern von Rose, Missy (Caterine Keener) und Dean Armitage (Bradley Whitford), Chris wie ihren leibhaftigen Sohn, wodurch seine Bedenken vorerst verschwinden. Neben der Familie sind auch zwei dunkelhäutige Angestellte auf dem Gelände der Armitages beschäftigt. Diese kommen Chris aufgrund ihres merkwürdigen, wenn auch äußerst zuvorkommenden Verhalten eigenartig vor.

Schleichend beginnt sich die Atmosphäre zu kippen: Irgendwann beginnt Dean unangebrachte Witze über die Beziehung des jungen Paares zu reißen, und auch die Gesprächsinhalte mit dem Sohn der Familie, Jeremy Armitage (Caleb Landry Jones), wirken auf Chris eher verwirrend. ‚Seine Statur und sein Erbgut‘ scheinen Jeremy sehr zu beeindrucken und er versucht immer wieder, Chris in kleine freundschaftliche Kämpfchen zu verwickeln. Weiterhin möchte Missy ihre Hypnosekünste unter Beweis stellen, um Chris das Rauchen abzugewöhnen. Er lehnt dieses Angebot verdutzt ab und erzählt Rose von seinen Zweifeln. Diese versichert ihm, dass er sich keine Sorgen machen müsse, da ihn die Familie akzeptiere, so wie er ist.

Als er in der Nacht vor die Tür gehen möchte, um zu rauchen, überschlagen sich die Ereignisse. Das Hausmädchen (Betty Gabriel) verhält sich äußert merkwürdig und der Gärtner (Marcus Henderson) rennt wie ein Irrer um das Haus. Bevor Chris wieder ins Bett gehen kann, wird er von Missy überrascht und mit einer Hypnosesitzung überrumpelt. Am nächsten Morgen kann er sich aber an all dies nicht mehr so genau erinnern. Es ist beinahe so, als wäre er in ein schwarzes Loch gefallen.

Wer steht dahinter?

Jordan Peele, der Regisseur von Get Out, ist bereits ein bekanntes Gesicht in Hollywood. In dem Film Keanu (2016) stellte er sein Können als Drehbuchschreiber unter Beweis und war gleichzeitig das erste Mal auf der großen Leinwand zu sehen. Zuvor schauspielerte und produzierte Peele zusammen mit Keegan-Michael Key (Keanu, Hugo) die Comedy Central Sketch-Serie Key & Peele (2012-2015). Dank dieser wurden die beiden vom Time Magazine auf die Liste der 100 einflussreichsten Menschen von 2014 gesetzt. Mit Get Out wagt sich Peele somit erstmalig an ein ernstes Genre und schreibt sofort Filmgeschichte. Er schaffte es nämlich, als einziger afroamerikanischer Regisseur, mit seinem Debüt ein amerikanisches Einspielergebnis von über 100 Millionen Dollar zu erzielen.

Get Out befasst sich hauptthematisch mit Rassismus und übt dabei gleichzeitig Kritik an der recht asymmetrischen Gesellschaft, welche lieber die Augen schließt als zu handeln. Bereits zu Beginn des Films wird ein junger afroamerikanischer Mann in einem wohlhabenden Viertel entführt, was aber weder Anwohner noch Polizei zu interessieren scheint. Doch statt einer direkten Konfrontation des Hauptcharakters mit dem Thema Rassismus, begleitet es sowohl ihn als auch den Zuschauer den ganzen Film über und bricht nie wirklich aus. Peele behandelt den an sich heiklen Stoff somit sehr subtil und drängt auf den Zuschauer bis zum Schluss mit der Frage ein, ob er die Charaktere des Filmes nicht doch zu Unrecht beschuldigt. Im Gegensatz zu anderen Filmen dieser Art steht der Protagonist nicht stumpfen Nazis oder gar Rednecks gegenüber, sondern muss einer weltoffenen und intellektuellen Elite, die vor nichts zurückschreckt, gegenübertreten. Immer wieder wird er auf gewisse körperliche Eigenschaften reduziert, so werden seine Stärke oder sein athletischer Körper betont.

Während des gesamten Films wird diese Herabwürdigung von außen unterstützt, indem die Kamera immer wieder kleine Reaktionen von Nebencharakteren einfängt, die nur im Augenwinkel zu sehen sind. Toby Oliver (Insidious 4, Wolf Creek 2) schafft es durch Kamerafahrten und Nahaufnahmen genau von diesen Geschehnissen im Hintergrund abzulenken, sodass der Fokus auf den Hauptfiguren liegt. Es kann sich lohnen, ab und zu von diesem Fokus abzuweichen und den Hintergrund im Blick zu behalten. Weiterhin trägt es durchaus zur Story bei, dass brutalere Szenen nur indirekt gezeigt werden und der Zuschauer von größeren Splatter-Elementen verschont bleibt.

Eine eindeutige Bereicherung ist Komponist Michael Abels, der sich ebenfalls zum ersten Mal für einen Film dieser Größe musikalisch verwirklichen durfte. Im Interview mit dem Magazin GQ erzählte Jordan Peele, warum er genau Abels gewählt hat. Peele wünschte sich etwas, das ‚in der Abwesenheit von Hoffnung lebe und dennoch schwarze Wurzeln habe‘. Bereits in den Anfangssequenzen untermalt Abels eine spannende Szene mit dem Kinderlied „Run, Rabbit, Run“ von Flanagan and Allen und lässt den Zuschauer schaudern. Auch im Verlauf des Films schafft er es, die durchgängig unangenehme Stimmung zu halten, ohne diese aufzulösen. Zusammengefasst ist auch ihm das Debüt deutlich gelungen.

Trotz der freundlichen Gesichter fühlt Chris sich in seiner Haut nicht ganz wohl.
Trotz der freundlichen Gesichter fühlt Chris sich in seiner Haut nicht ganz wohl.

Schauspieldebüts und alte Hasen

Die schauspielerische Leistung ist überragend. Obwohl die meisten Darsteller zum ersten Mal auf der großen Leinwand zu sehen sind, überzeugen sie durchweg.

Daniel Kaluuya (Kick-Ass 2) hatte bisher noch keine größere Rolle. Zwar wird er im baldigen Marvel Film Black Panther (2018) zu sehen sein, aber auch dort nur in einer unterstützenden Position. Mit seiner Hauptrolle als Chris Washington beweist er, dass er das Potenzial für weitere größere Rollen besitzt. Seine Ausdrücke sind überzeugend und realistisch. Auch wenn es dem Regisseur Peele besonders wichtig war, die Charaktere so handeln zu lassen, wie es auch der Zuschauer tun würde, liegt es noch immer in der Hand des Schauspielers, auf welche Art er dies umsetzt. Kaluuya gelingt eine authentische Darstellung voll und ganz und lässt den Zuschauer mitfiebern. Trotzdem wirkt er in vereinzelten Szenen etwas schwächer als im Rest des Films – so zum Beispiel in den Momenten, in denen er hypnotisiert ist.

Allison Williams, die Chris‘ Liebhaberin und Tochter der Familie Armitage verkörpert, musste sich der schwierigeren Aufgabe stellen, den Spagat ihres Charakters zwischen der Familie und Chris zu vollführen. Diese innere (An-)Spannung wird nicht immer deutlich. Rose Armitage scheint gerade zu Beginn des Films in einigen Szenen überflüssig und unbedeutend, was sich jedoch im Laufe des Films noch ändert. Nichtsdestotrotz ist Williams ihr Debüt auf der Leinwand gelungen und sie konnte von ihren vorherigen Erfahrungen im Fernsehen (Girls) profitieren. Ihre Leistung wurde außerdem mit einer Nominierung bei den MTV Movie Awards 2017 belohnt.

Die Armitage-Familie, porträtiert durch Bradley Whitford (The Cabin in the Woods), Caleb Landry Jones (Antiviral) und Catherine Keener (War Story), besteht aus sehr erfahrenen Schauspielern. Die einzelnen Charaktere sind sehr divers und als Zuschauer fragt man sich des Öfteren, wie eine solche Familie zusammenhalten kann. Hier werden vereinzelte Klischees angewendet. So gibt es das anscheinend liberale Pärchen Dean und Missy, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Dean Armittage wird von Whitford als netter, älterer Herr gespielt, dem auch gerne mal unpassende Witze herausrutschen. Trotzdem scheint er sehr harmoniebedürftig zu sein. Seine Frau Missy übernimmt hingegen den dominanten Part in der Familie. Sie ist sehr forsch zu den Angestellten und fordert sehr viel von Chris. Beide Rollen wurden äußerst überzeugend verkörpert und unterstützen die Handlung auf eine sehr unterschwellige Art.
Besonders genannt werden muss außerdem Caleb Landry Jones. Bereits in vorherigen Rollen hat er bewiesen, dass ihm Charaktere mit einem leicht verrückten Wesen liegen. Auch in Get Out spielt er den sonderbar erscheinenden Bruder von Rose. Seine Gespräche mit Chris drehen sich meist um Sport und Gewalt. Kombiniert wird dies mit stellenweise perfider Mimik von Jones, die im Zuschauer ein ungutes Gefühl hervorruft.

Tränen der Freude oder des Grauens? (Betty Gabriel)
Tränen der Freude oder des Grauens? (Betty Gabriel)

Kritik

Jordan Peele wagt in Get Out einen interessanten und nicht ganz so einfachen Versuch, Thriller und Humor zu vereinen – was ihm jedoch gelingt! Denn die meisten humoristischen Elemente stammen von einer Person, die nicht aktiv am Geschehen teilnimmt. Der aufgebaute Spannungsbogen wird dadurch nicht zerstört, sondern durch diese kurzen Pausen aufrechterhalten. Peele gönnt den Zuschauern somit auch einen Moment zum Luft holen, bevor es weitergeht.

Die meisten Charaktere sind hervorragend ausgearbeitet und fügen sich gut in die Handlung ein. Auch ihre Aktionen sind verständlich und lassen sich logisch nachvollziehen – dies ist immerhin bei Horrorfilmen nicht grundsätzlich der Fall.

Trotzdem ist anzumerken, dass Jordan Peele noch sehr durch seine Sketche geprägt ist. Das Setting sieht oft einen Hauch zu perfekt und zu ordentlich aus, was aber nicht ungemein stört. Das Drehbuch hingegen ist vollgepackt mit Spannung und Grauen. Vereinzelt gibt es dennoch Szenen, die einem eher unrealistisch und falsch platziert anmuten. Diese verwirrenden Momente sind allerdings sehr kurz gehalten und runden gleichwohl die Story ab.

Ein genialer Schachzug ist das Verstecken sehr gewalttätiger Splatter-Elemente. Somit bleibt das Gefühl eines psychologischen Horrorfilmes eher erhalten. Dies gelingt u.a. durch die Szenen der Hypnose. Das Fallen in ein schwarzes Loch wird hier kreativ inszeniert und vermittelt ein sehr mulmiges Gefühl.

Fazit

Get Out ist seit geraumer Zeit wieder ein guter psychologischer Horrorfilm, der ohne große Jumpscares auskommt. Seine Handlung, Charaktere und auch Musik vermitteln ein immer wieder neues Gänsehautgefühl. Jordan Peele hat mit diesem Film eine Lücke gefüllt, die schon viel zu lang existierte. Für Fans des Horror-Genres ist dieser Streifen ein absoluter Must-See-Film und sehr empfehlenswert.

Bewertung

4/5 Sterne

– Felix Heiderich

© Photo Credit: © 2017 UNIVERSAL PICTURES INTERNATIONAL. ALL RIGHTS RESERVED
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